Meine Karriere: Der lange Weg zur "Nummer 6"
Sobald ich laufen konnte, musste ich für die Experimente meiner drei älteren Brüder herhalten. Sie hatten es darauf abgesehen, mich mit dem runden Leder bekannt zu machen. So diente ich häufig als Torwart, damit keine Mannschaft in Unterzahl spielen musste und wenigstens noch die Hoffnung da war, dass ich zufällig angeschossen werde und dadurch ein Tor verhindere.
Meine Brüder hofften immer, dass ich als Torwart mal angeschossen werde, damit ich auch mal einen Treffer verhindere.
Besser als den Ball hielt ich damals noch meine Zuckertüte.
Mit zwei Jahren folgte ich dann regelmäßig meinem Vater zum Training der F-Jugend-Mannschaft, dessen Trainer er war. Mit vier Jahren konnte man dann auch von halbwegs aktiver Teilnahme am Training reden, so dass ich meinen ersten Spielerpass bekam. Dieser Gang nahm bis zum Ende der B-Jugend seinen Lauf, wobei neun Kreismeisterschaften, vier Vize-Kreismeisterschaften, zwei Pokalsiege und zum Schluss mit der B-Jugend der Landesligaaufstieg mit dem „kleinen“ TuS Recke zu verbuchen waren. Außerdem mischte ich in allen Kreisauswahlmannschaften des Kreises Tecklenburg mit, was zur Folge hatte, dass ich in die Westfalenauswahl berufen wurde und mich dort zwei Jahre behaupten konnte.

Vom "kleinen" TuS Recke zum deutschen A-Jugend-Meister Werder Bremen
Mit 17 Jahren folgte mein Wechsel zum Deutschen A-Jugend Meister SV Werder Bremen, um meinem Traum Profifußball ein Stückchen näher zu kommen. Das erste A-Jugend-Jahr lief für mich nach einer Eingewöhnungsphase immer besser und meine starken Leistungen krönte ich bei den Deutschen Meisterschaften. Wir waren sehr erfolgreich und wurden erst im Finale von Bayer Leverkusen gestoppt. Es war mein erstes Pflichtspiel in der BayArena. Im zweiten A- Jugendjahr gehörte ich zum Stammpersonal der Werder Amateure in der Regionalliga und der U18- Nationalmannschaft. Im Frühjahr 2001 unterschrieb ich einen Profivertrag bei Werder Bremen bis 2004 und trainierte somit tagtäglich mit den Profis.
Bei den Werder-Profis spielte ich mit Ailton (im Bild), Micoud, Klasnic & Co.zusammen. Aus dieser Zeit stammt auch meine Freundschaft mit Manuel Friedrich (links im Bild).
Meine Einsätze bekam ich aber weiterhin nur bei den Amateuren, so dass ich mich in der Rückrunde der Saison 2002/2003 zum damaligen Zweitligisten SSV Reutlingen ausleihen ließ. Auch dort gehörte ich sofort zum Stammpersonal, konnte den Abstieg des SSV aber auch nicht mehr verhindern. Hier erlebte ich zum ersten Mal, wie viel Unruhe in einem Verein überhaupt herrschen kann und wie sich so etwas in der täglichen Trainingsleistung bemerkbar machen kann. Trotzdem war es für mich persönlich ein sehr lehrreiches Jahr, das mich in meiner Entwicklung voran gebracht hat.

Entschädigung: Fantastische Wochen mit Meisterfeier und Pokalsieg
Nun hatte ich noch ein Jahr Vertrag in Bremen und wollte meine Chance bei Werder Bremen, trotz einiger Anfragen aus der 2. Bundesliga, suchen. Doch auch in meiner dritten Spielzeit im Profikader bekam ich nie eine Chance, mich beweisen zu können. Meine Leistungen brachte ich weiterhin bei den Amateuren, wo wir eine sehr erfolgreiche Serie spielten.
100.000 Menschen feierten in diesem Moment rund um den kleinen Bremer Markt vor dem Rathaus. Noch verrückter: Nur zwei Wochen später waren alle wieder da und wir hielten den DFB-Pokal hoch.
Trotzdem konnte ich meine insgesamt fünf schönen Jahre bei Werder mit zwei absoluten Highlights beenden. Zum einem der Gewinn der Deutschen Meisterschaft und der Pokalsieg über meinem neuen Arbeitgeber Alemannia Aachen. Die letzten drei Wochen mit Meisterfeier, Rathausempfang und Pokalendspiel in Berlin waren einfach fantastisch und entschädigten für vieles.

Schon vor dem ersten Tag bei der Alemannia, der erste Trainerwechsel
Für mich stand lange fest, dass ich Werders Angebot zur Vertragsverlängerung nicht annehme und mich neu orientieren werde. Die Wahl viel dabei auf Alemannia Aachen. Die Gründe für Aachen waren neben der guten sportlichen Perspektive, der fantastischen Stimmung am Tivoli auch das schon lang andauernde und intensive Interesse von Sportdirektor Jörg Schmadtke.
Alle Aachener Neuzugänge der Saison 2004/05: Es war ein richtiger Umbruch als ich kam. Die Alemannia wechselte in dieser Sommerpause die halbe Mannschaft und den Trainer.
Nach fünf Jahren Bremen packte ich meine sieben Sachen und los ging es mit großer Vorfreude in die Kaiserstadt Aachen. Die erste kuriose Nachricht ereilte mich schon im Urlaub. Dieter Hecking wird mein neuer Trainer. Ausgerechnet Hecking, der mich zuvor schon nach Lübeck holen wollte und dem ich zugunsten der Alemannia eine Absage erteilt hatte. So schnell sieht man sich wieder!

Unglaubliche Alemannia: Stimmung, Kameradschaft, Leidenschaft
Angekommen in Aachen bezog ich meine schöne neue Wohnung und stürzte mich mit vollem Engagement ins Training. In der Kabine hatte ich gleich den Platz neben Stefan Blank, mit dem ich schon in Bremen zusammengespielt hatte. Schon damals verstanden wir uns gut. Somit konnte es mit der alten Bremer Achse auf der linken Seite bei der Alemannia jetzt richtig losgehen. Die Stimmung in der Mannschaft war unglaublich. Eine solche Kameradschaft, so viel Leben in der Kabine, Spaß und Leidenschaft auf dem Platz waren umwerfend und brachten wahnsinnig viel Freude ins harte Training der Vorbereitung, so dass wir uns alle den ersten Spieltag gegen Frankfurt herbeisehnten.
Nicht schwer zu erkennen, oder? Von der Stimmung in der Alemannia-Kabine war ich immer begeistert.
Es ging los wie die Feuerwehr. Wir spielten Frankfurt in der ersten Halbzeit an die Wand, machten aber kein Tor und am Ende mussten wir mit einem 1:1 leben. Aber trotz des Unentschiedens spürte man die wahnsinnige Euphorie überall. Die Fans rieben sich verwundert die Augen: Die Alemannia mit fünf (!) Neuzugängen in der ersten Elf konnte nicht nur kämpfen, sondern überzeugte vor allem spielerisch. Gepaart mit hohem Tempo war das ein weiterer großer Qualitätssprung im rasanten Aufstieg der Alemannia.

Die UEFA-Cup-Traumreise mit Alemannia Aachen
Die nächsten Wochen liefen für mich wie in einem Rausch: Begeisternder Fußball mit viel Spaß und noch mehr Leidenschaft! Leider ließen wir auch gerade deswegen einige Punkte liegen. Für uns gab es nämlich nur eine Richtung und das war das gegnerische Tor. Egal wie es stand!

In der Liga hatten wir uns zum Aufstiegsfavoriten gespielt und im UEFA-Cup in die Gruppenphase. Nun stand unser erstes Hauptrundenspiel gegen OSC Lille auf dem Programm, eine französische Spitzenmannschaft, der wir mit unserem Selbstvertrauen aus der Liga Paroli bieten wollten. Unser Motto: Mit Begeisterung dem Gegner jegliche Lust am Spiel zu nehmen (d.h. immer Attacke auf den Ball, egal wo) und selbst mal schauen was nach vorne über unsere Außenstürmer so geht. Zur Halbzeit stand es 0:0 und wir machten ein gutes Spiel.
Die Startelf des UEFA-Cup-Spiels gegen OSC Lille. Aus meiner Sicht das beste Spiel, das die Alemannia in dieser Saison gezeigt hat.
Dann sprach Dieter Hecking folgende Worte: "Wenn es bis zur 60. Minute noch 0:0 steht, spielen wir voll auf Sieg!" Wenn ich jetzt daran denke, bekomme ich immer noch Gänsehaut. Die kleine Alemannia wollte im internationalen Konzert der Großen alles versuchen. GEIL!!! Die Folge war: Wir spielten schon ab der Halbzeit voll auf Sieg und hatten den letzten Respekt abgelegt. In der 67.Minute erzielte Erik Meijer den Siegtreffer, nachdem ich den Ball über den Torwart gelupft hatte. Das Spiel war ein Traum. Ich schaute immer zur Anzeigetafel und freute mich, dass die Partie noch ein bisschen dauerte.

Plötzlich Shootingstar: Eine Spielzeit wie im Rausch
Am Ende hatten wir 1:0 gewonnen und die Alemmania-Fans das wohl beste Spiel ihrer Alemmania überhaupt gesehen. Was für ein Glücksgefühl bei uns Spielern und vor allem bei den Fans. Um dies zu verstehen muss man wissen, dass die Alemmania zuvor quasi am Abgrund stand und die Lizenz wegen hoher Schulden für die zweite Liga entzogen werden sollte. Nun schickte sich die Mannschaft an, die Schulden innerhalb von zwei Jahren durch die DFB-Pokalfinalteilnahme und den UEFA-Cup-Erfolg zu tilgen und Alemannia über die Landesgrenzen hinweg zum erfolgreichsten Zweitligisten im internationalen Wettbewerb zu machen. Jeder kann sich diese Gefühle der Fans vorstellen und diese Euphorie trug uns über die ganze Hinrunde in der Liga und im UEFA-Cup sensationell in die K.O-Phase.
Wie im Rausch: In der Hinrunde fegten wir mit unserem Teamgeist durch die Stadien und nach den Spielen beim Jubeln den Platz.
Für mich persönlich war diese Vorrunde der absolute Hammer: Von Bank und Tribüne bei Werder auf die internationale Bühne mit Aachen! Ich war plötzlich der Shootingstar der zweiten Liga und die halbe Bundesliga saß bei den UEFA-Cup-Spielen auf der Tribüne. Zudem fühlte ich mich in der Mannschaft und in Aachen sauwohl.

Rückschläge: UEFA-Cup-Aus, Operation, verpasster Aufstieg
Die Rückrunde verlief durchwachsen. Die gegnerischen Mannschaften mauerten sich förmlich zu Siegen gegen uns und wir konnten der ganzen Erwartungshaltung, die wir in der Hinserie ausgelöst hatten, nicht mehr gerecht werden.
Es war schlimm: Ausgerechnet im heißen Aufstiegskampf konnte ich fünf Wochen nicht mitwirken.
Am Ende reichte es dann doch leider nicht für den Aufstieg und im UEFA-Cup mussten wir nach zwei tollen Spielen gegen AZ Alkmaar die Segel streichen. Quasi als Aprilscherz wurde ich dann auch noch am 1. April am Blinddarm operiert, so dass ich nicht mehr wirklich in den Aufstiegskampf eingreifen konnte und fünf Wochen aus dem Rennen war.

Abschied von großartigen Fans, Aufbruch zum Traumziel Bundesliga
In dieser Phase fiel dann auch meine Entscheidung über meine weitere sportliche Zukunft. Am Samstag, 16.04.2005, unterzeichnete ich einen Drei-Jahres-Vertrag bei Bayer 04 Leverkusen. Das mir der Abschied noch schwerer fiel als erwartet, dafür sorgten die Fans nur zwei Tage später. Am Montagabend stand unser Spiel gegen MSV Duisburg auf dem Programm. Da ich wegen meiner Operation nicht spielen konnte, war ich wegen der Bekanntgabe meines Wechsels zum DSF als Interviewpartner eingeladen. Um zum Interview zu kommen, musste ich aber einmal komplett das Spielfeld umrunden, am berühmt berüchtigten S-Block entlang. Es war noch kein Spieler zum Warmmachen draußen und so trat ich mit einem mulmigen Gefühl meinen Gang zum Interview an. Aber statt Pfiffen und Unmutsäußerungen, gab es viel Beifall von der gesamten Tribüne! Wow! Ich hatte immer mit offenen Karten gespielt und das honorierten die Fans in einer unglaublichen Weise! Danke, danke, danke!!!
Danke, Danke, Danke – die Fans der Aachener machten mir den Abschied schwer.
Am letzten Spieltag wurde ich dann bei meiner Auswechselung mit Standing Ovations verabschiedet und das bildete den krönenden Abschluss eines wunderschönen Jahres bei Alemannia Aachen. Am Ende war ich traurig wegen des Abschieds, des verpassten Aufstiegs und der vielen Freunde in Mannschaft und Umfeld, stolz auf die Leistung und Erfolge und voller Vorfreude auf Bayer 04 Leverkusen und mein Traumziel Bundesliga!