KICKER: Simon Rolfes (23) will den Sprung in die Bundesliga schaffen
Simon Rolfes am 16.02.2005 - 17:15 Uhr
Am Donnerstag um 20.30 Uhr spielt Aachen in Köln gegen AZ Alkmaar aus Holland. Der 23-jährige Simon Rolfes ist eine große Stütze im defensiven Mittelfeld, treibt aber mit seinen überraschenden Ideen auch immer wieder wirkungsvoll das Offensivspiel an. Über die Alemannia will er erstklassig werden.
Die Zusammenführung klappte auf Umwegen. Im Frühjahr 2004 warb Dieter Hecking, damals Coach beim VfB Lübeck, um die Dienste von Simon Rolfes, der zu dieser Zeit ein wenig beachtetes Dasein bei Werder Bremens Amateuren fristete. Rolfes aber entschied sich für einen Wechsel zu Alemannia Aachen, unter anderem wegen der besseren sportlichen Perspektive. Der Clou an der Sache: Nach der Demission Jörg Bergers im Anschluss an das Pokalfinale unterschrieb Hecking als neuer Coach der Alemannia - und bekam auf diesem Wege seinen Wunschspieler doch noch.
Dass er Rolfes' Qualitäten völlig richtig eingeschätzt hat, sieht Hecking nun fast Woche für Woche. Denn kaum ein anderer spielt so konstant auf so hohem Niveau wie der schlaksige Blonde, der in der Zweitliga-Rangliste des kicker vom 3. Januar als Nummer Eins im defensiven Mittelfeld eingestuft ist. "Er hat Möglichkeiten, um schwierige Situationen auf dem Platz zu lösen, die nur wenige besitzen", lobt Sportdirektor Jörg Schmadtke, der Rolfes nach Aachen lotste. "Unheimlich hohe Spielintelligenz, sehr kreativ, mit ausgezeichneter Technik, stets vorwärts orientiert - Simon ist eine ganz wichtige Figur in unserem System."
Hohes Lob für einen gerade mal 23-Jährigen, dem sie in Bremen den Sprung in die Bundesliga nicht zugetraut hatten. Mittlerweile hat Aachens Nummer acht schon bei anderen Erstligisten Begehrlichkeiten geweckt, weil er nicht nur in der Zweiten Liga, sondern auch im Europacup ganz groß auftrumpft (kicker-Notenschnitt: 2,60). Am Donnerstag gegen AZ Alkmaar wartet in Köln die nächste Bewährungschance im internationalen Fußball, den Rolfes als "Sahnestück" und "Bonus" wertet.
"Bremen war für mich eine Sackgasse, da konnte ich nicht weiterkommen. Deshalb war es im Sommer höchste Zeit für einen Wechsel", erinnert sich der gebürtige Westfale. Nicht zuletzt die starke interne Konkurrenz hochkarätiger Nationalspieler wie Fabian Ernst und Frank Baumann verhinderte seinen Durchbruch an der Weser. In Aachen blüht er förmlich auf und bildet gemeinsam mit Reiner Plaßhenrich im defensiven Mittelfeld vor der Viererkette das "Herzstück der Mannschaft" (Schmadtke), wobei es im Zweifelsfall Rolfes ist, der aus diesem Tandem den Weg nach vorne sucht, sich in den Angriff mit einschaltet. Mit großer Übersicht, überraschenden Ideen - aber noch nicht ganz perfekt, doch wer kann das mit 23 schon sein? "Eigentlich verfügt er über eine präzisen Weitschuss, aber den setzt er zu selten ein", findet Schmadtke, "und auch im Kopfball ist Simon trotz seiner Länge sicher noch verbesserungswürdig."
Als Jüngster von vier Brüdern lernte der mittlerweile 1,89 Meter lange Rolfes schnell, sich durchzubeißen. Jetzt hat er sich auch im bezahlten Fußball durchgesetzt. Was in Bremen nicht klappte, strebt er nun über den Umweg Zweite Liga an: den Sprung in die Bundesliga. "Für mich war das ein wichtiger Entwicklungsprozess. In Bremen haben sie mich verkannt und mir nie eine echte Chance gegeben. Jetzt bin ich als wichtige Figur im Team anerkannt, und das gibt meinem Spiel natürlich Sicherheit", erzählt Rolfes, "so grottenschlecht kann ich also nicht sein."
Als "Exot" gilt der Zweitligist Aachen im europäischen Wettbewerb, und natürlich als Außenseiter gegen den in dieser Saison famos aufspielenden Kontrahenten AZ Alkmaar. Für Simon Rolfes hat die unerwartet hohe Zahl an Pflichtspielen einen Nebeneffekt: So kann er sein Fernstudium des Sportmanagements nicht wie geplant vorantreiben. Gerade während einer so intensiven Woche wie der anstehenden bleiben die BWL-Bücher und Sportmarketing-Schriften in der Schublade.
Denn zwischen den beiden Vergleichen mit den Holländern wollen die Alemannen endlich mal einen Top-Klub der Zweiten Liga besiegen. Am Sonntag, den 20. Februar um 15 Uhr, tritt Aachen beim 1. FC Köln an. Beim 2:3 gegen die Kölner ging Aachen in der Hinrunde ebenso als Verlierer vom Platz wie in Fürth (2:3) und gegen Duisburg (0:1). "Aber das waren durchaus Duelle auf Augenhöhe", findet Schmadtke, "wir haben zum Beispiel Duisburg 70 Minuten lang klar beherrscht, obwohl wir vier Tage zuvor noch im Europacup gespielt haben."
Nun muss erneut der Spagat zwischen internationalem Festtag und Zweiter Liga klappen, sonst könnte der Aufstieg schon in weite Ferne rücken. Ausgezahlt hat sich das Doppel-Engagement für die Aachener schon. Der Einzug in die Gruppenphase brachte nach Abzug aller Kosten rund 1,3 Millionen in die Klub-Kasse, nach den Partien gegen Alkmaar werden wieder rund 900 000 Euro übrig bleiben, die im Sommer maßvoll investiert werden sollen. Am besten in Spieler, die so durchstarten wie Simon Rolfes.
Oliver Bitter
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