KICKER: Schaaf hat mich verkannt
www.simon-rolfes.de am 02.05.2005 - 16:59 Uhr
Simon Rolfes mag den Ball erst gar nicht langatmig quer schieben. Sondern lieber gleich direkt und scharf in die Spitze. Das gilt auf dem Fußballfeld, wo der Noch-Aachener und Bald-Leverkusener Mittelfeldmann von der zentralen Position vor der Abwehr gerne die offensiven Akzente setzt. Und es gilt im Gespräch darüber, warum er vergangenen Sommer überhaupt den Double-Gewinner Werder Bremen verließ und den Umweg Zweite Liga ging.
Die Antwort liegt für Rolfes auf der Hand: "Thomas Schaaf hat es einfach nicht mehr geschafft, mir zu vertrauen, meine Entwicklung zu sehen und mich aus der Schublade des Nachwuchsspielers herauszunehmen." Werders Meistertrainer, urteilt Rolfes ganz nüchtern und wie er sagt "ohne Groll", habe ihn schlicht "verkannt".
"Simon war seiner Meinung nach weiter als wir das gesehen haben", bestätigt Schaaf den Konflikt. "Er hat sicher gut gearbeitet, gerade an seinen Schwächen: Zweikampfverhalten und Tempowechsel." Aber: "Er war noch nicht so weit, unseren Ansprüchen gerecht zu werden." Zumal die Konkurrenz durchweg aus Nationalspielern bestand: Baumann, Ernst, Lisztes, Borowski. Die tägliche Arbeit mit Kollegen wie "Herzog, Pizarro oder Micoud" war für Rolfes "natürlich auch eine lehrreiche Zeit, die mich weitergebracht hat". Indes: "Eine Chance hätte ich meiner Ansicht nach trotz allem verdient gehabt."
Für einen, der in vier Jahren an der Weser keinen einzigen Bundesliga-Einsatz geschafft hat, klingen solche Einschätzungen unterm Strich ganz schön selbstbewusst. Soll es ruhig auch: Nach bislang 38 Zweitligapartien für Reutlingen und Aachen sowie sieben UEFA-Cup-Spielen mit der Alemannia sieht sich Rolfes vorbehaltlos als Bundesligaspieler. Und den Schritt nach Leverkusen nicht als Abenteuer auf unbekanntem Terrain, sondern als Zutritt zum persönlichen Bestimmungsort: "Ich habe keine Zweifel, mich in der Bundesliga durchzusetzen. Auch wenn ich nächstes Jahr sicher noch viel lernen werde. Aber im UEFA-Cup hat sich doch schon gezeigt, auf welchem Niveau ich spielen kann." In der Tat kommt Rolfes international auf den fabelhaften kicker-Notenschnitt von 2,86, sein Meisterstück lieferte er beim 1:0 über den OSC Lille (Note 1,5).
Wer nun folgert, hier handle es sich um die Beschreibung eines hoffnungslosen Großkotzes, der irrt. Und zwar gewaltig. Simon Rolfes ist ein höflicher, aufmerksamer, vernünftiger und sehr wohl auch selbstkritischer junger Mann. "Ein richtig guter Junge", lobte HSV- Trainer Thomas Doll (39), wohlgemerkt nachdem Rolfes sich gegen Hamburg entschieden hatte. Für Bayer, wo man "sich total sicher war und mich unbedingt wollte". Aus Hamburg ist zu hören, dort sei Rolfes eher als "Perspektivspieler" betrachtet worden. Das aber ist er lange genug gewesen, ebenso wie der ständig und allseits liebe Simon: "Dass ich in Bremen überhaupt erst in dieser Schublade steckte, war meine eigene Schuld. Ich war zu brav, zu bequem. Irgendwann musste ich mein Selbstverständnis ändern." Das gelang speziell im Frühjahr 2003, als Rolfes für sechs Monate nach Reutlingen ausgeliehen war. "Für den Klub und viele Kollegen ging es um die Existenz. Da habe ich schon Verantwortung gespürt."
Als er zurückkam, war der schlaksige Blondschopf ein neuer Fußballer: "Ich habe mich gegen meine Rolle gewehrt, im Training mehr dazwischengefunkt und begonnen, wirklich professionell zu arbeiten." In Lars Figura und (nach seinem Wechsel) in Jens Dautzenberg engagierte Rolfes zwei ehemalige Deutsche Meister über 400 Meter als persönliche Sprint- und Krafttrainer. Die Zusatzarbeit an der Athletik will er "karrierebegleitend" weiterbetreiben. Dass er für solchen außergewöhnlichen Einsatz "auch schon mal schief angeschaut" werde, stört ihn nicht mehr. "Es bringt nichts, nur auf etwas zu warten. Man muss es selbst in die Hand nehmen."
Das lehrten ihn schon die Anfänge der Fußballerlaufbahn: Als B-Jugendlicher kickte Rolfes noch für den TuS Recke in der Bezirksliga, unbehelligt von Profi-Scouts, und aus der Westfalen-Auswahl hatte man den heute 1,89 Meter langen Linksfuß ausgeschlossen, "weil ich nicht groß genug war". Hoch hinaus wollte der kleine Simon aber doch, also ließ er den sechs Jahre älteren Bruder Tobias auf gut Glück bei den Nachwuchsabteilungen nahe beheimateter Profiklubs anrufen. In Hannover wurde man vertröstet, Werders A-Jugend-Coach Frank Neubarth (42) hatte Bedarf und bat zum Probetraining. In Leverkusen werden sie ihm dankbar sein.
Thiemo Müller
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